Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Maschendrahtzauns als Symbol für den Eisernen Vorhang.

19. August 1989: Wie Sopron den Eisernen Vorhang öffnete

Von der Redaktion Kommunikation Bremen
Veröffentlicht am 19. August 2026

Am 19. August 1989 wurde bei Sopron für eine Friedensveranstaltung ein Grenztor zwischen Ungarn und Österreich zeitweilig geöffnet. Zahlreiche in Ungarn wartende DDR-Bürger nutzten diesen Moment zur Flucht in den Westen. Das Paneuropäische Picknick wurde damit zu einer Schlüsselstelle auf dem Weg zur Friedlichen Revolution und deutschen Wiedervereinigung – obwohl es außerhalb Deutschlands stattfand.

Der historische Zusammenhang in Kürze

  • Ungarn hatte bereits im Mai 1989 mit dem Abbau technischer Grenzsperren begonnen.
  • Das Picknick war als politische Friedensaktion mit einer symbolischen Grenzöffnung geplant.
  • Ausreisewillige DDR-Bürger erfuhren von der Veranstaltung und kamen zur Grenze.
  • Der Übergang zeigte, dass der Eiserne Vorhang politisch nicht mehr dauerhaft aufrechtzuerhalten war.

Am Grenztor bei Sopron wurde aus einem Symbol ein Fluchtweg

Der Veranstaltungsort lag bei Sopronpuszta, wenige Kilometer außerhalb der westungarischen Stadt Sopron. Auf österreichischer Seite befand sich das burgenländische Sankt Margarethen. Für das Paneuropäische Picknick sollte ein normalerweise geschlossenes Grenztor vorübergehend geöffnet werden.

Geplant war eine Begegnung von Menschen aus beiden Ländern. Reden, Flugblätter und die symbolische Öffnung sollten für ein Europa ohne trennende Grenzen werben. Die Veranstaltung entstand in einem politischen Klima, in dem die jahrzehntelang scheinbar unverrückbare Teilung des Kontinents bereits Risse zeigte.

Als sich das Tor öffnete, liefen zahlreiche DDR-Bürger auf die österreichische Seite. Der diensthabende ungarische Grenzoffizier Árpád Bella und die anderen Grenzer verhinderten den Übertritt nicht mit Gewalt. Damit verwandelte sich die vorbereitete Geste in einen tatsächlichen Grenzdurchbruch.

Zur Zahl der Geflüchteten finden sich unterschiedliche Angaben. Das Lebendige Museum Online des Hauses der Geschichte ordnet das Ereignis als bedeutenden Teil der damaligen Massenflucht aus der DDR ein. Auch die historische Übersicht zum Paneuropäischen Picknick spricht von mehreren Hundert Grenzübertritten. Eine einzelne exakte Zahl lässt sich aus den verschiedenen Darstellungen nicht widerspruchsfrei ableiten.

Ungarn hatte seine Grenzanlagen schon vor dem Picknick abgebaut

Der 19. August war kein isolierter Zufall. Bereits am 2. Mai 1989 begann Ungarn mit der Demontage technischer Sicherungsanlagen an seiner Westgrenze. Die Regierung unter Ministerpräsident Miklós Németh begründete den Schritt auch damit, dass die veralteten Anlagen teuer und technisch überholt waren.

Der Abbau bedeutete zunächst nicht, dass die Grenze rechtlich frei passierbar war. Kontrollen, Grenzposten und Vorschriften bestanden weiter. Politisch war der Schritt dennoch bedeutsam: Ein Mitglied des Warschauer Pakts entfernte Teile jener Infrastruktur, die das kommunistische Osteuropa vom Westen abschirmte.

Am 27. Juni 1989 durchschnitten der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock öffentlich einen Grenzzaun. Die Bilder machten weltweit sichtbar, was sich politisch bereits abzeichnete. Der Eiserne Vorhang war nicht auf einen Schlag verschwunden, doch seine materielle und symbolische Geschlossenheit war gebrochen.

Das Paneuropäische Picknick knüpfte an diese Entwicklung an. Lokale Gruppen des Ungarischen Demokratischen Forums und Vertreter der Paneuropa-Union bereiteten die Veranstaltung vor. Otto von Habsburg und der ungarische Reformpolitiker Imre Pozsgay übernahmen die Schirmherrschaft. Ihre Beteiligung gab der zunächst regionalen Initiative über Ungarn hinaus politische Aufmerksamkeit.

19. August 1989: Wie Sopron den Eisernen Vorhang öffnete

Warum so viele DDR-Bürger im Sommer 1989 in Ungarn warteten

Ungarn war für DDR-Bürger vergleichsweise leicht als Urlaubsland erreichbar. Im Sommer 1989 reisten viele Menschen dorthin, die nicht mehr in die DDR zurückkehren wollten. Manche hofften auf eine Ausreisegenehmigung, andere suchten eine Gelegenheit, über Österreich in die Bundesrepublik zu gelangen.

Die Lage blieb unsicher. Der Abbau des Grenzzauns hatte die Überwachung nicht beendet, und ein unerlaubter Grenzübertritt konnte weiterhin scheitern. Zugleich verbreiteten sich Nachrichten über die Veränderungen an der ungarisch-österreichischen Grenze. Rund um Budapest, am Balaton und in kirchlich oder privat organisierten Unterkünften hielten sich immer mehr ausreisewillige DDR-Bürger auf.

Auch Hinweise auf das geplante Picknick kursierten unter ihnen. Flugblätter und persönliche Kontakte trugen dazu bei, dass Menschen am 19. August in Richtung Sopron aufbrachen. Nicht alle ursprünglichen Veranstalter hatten eine große Fluchtaktion geplant. Die politische Demonstration und die konkrete Notlage der DDR-Bürger trafen jedoch am selben Ort zusammen.

Der Grenzübertritt löste das Problem der Wartenden noch nicht vollständig. Viele DDR-Bürger blieben zunächst in Ungarn. Entscheidend war deshalb der nächste staatliche Schritt: Im September 1989 gestattete Ungarn den in seinem Land befindlichen DDR-Bürgern offiziell die Ausreise nach Österreich. Damit entstand ein dauerhaft nutzbarer Weg in den Westen.

Eine kurze Zeitleiste vom Grenzabbau bis zum Mauerfall

  • 2. Mai 1989: Ungarn beginnt mit dem Abbau technischer Sperranlagen an der Grenze zu Österreich.
  • 27. Juni 1989: Gyula Horn und Alois Mock durchtrennen öffentlich einen Grenzzaun.
  • 19. August 1989: Beim Paneuropäischen Picknick gelangen zahlreiche DDR-Bürger nach Österreich.
  • September 1989: Ungarn ermöglicht DDR-Bürgern die offizielle Ausreise über Österreich.
  • Herbst 1989: Fluchtbewegung und Massendemonstrationen erhöhen den Druck auf die DDR-Führung.
  • 9. November 1989: Die Berliner Mauer wird geöffnet.

Die zeitliche Nähe darf nicht mit einer einfachen Ursache-Wirkungs-Kette verwechselt werden. Der Mauerfall hatte viele Voraussetzungen: die Reformpolitik in der Sowjetunion, oppositionelle Gruppen in der DDR, die Friedensgebete, wachsende Demonstrationen und die massenhafte Ausreise. Sopron war ein sichtbarer Punkt in diesem größeren Prozess.

Warum Sopron zur deutschen Erinnerungsgeschichte gehört

Das Paneuropäische Picknick nimmt in der Erinnerung an 1989 einen besonderen Platz ein, weil es drei Entwicklungen miteinander verband: den Reformkurs in Ungarn, die individuelle Entscheidung vieler DDR-Bürger zur Flucht und die nachlassende Bereitschaft der osteuropäischen Staaten, die deutsche Teilung mit Grenzgewalt abzusichern.

Für die Friedliche Revolution war das Ereignis nicht deshalb wichtig, weil es die Proteste innerhalb der DDR ersetzt hätte. Seine Wirkung lag vielmehr darin, die Handlungsfähigkeit der DDR-Führung weiter zu schwächen. Jeder erfolgreiche Grenzübertritt zeigte, dass Reisebeschränkungen und politische Kontrolle nicht mehr zuverlässig durchgesetzt werden konnten.

Zugleich macht Sopron deutlich, dass die deutsche Wiedervereinigung keine ausschließlich deutsche Geschichte ist. Entscheidungen in Budapest, das Verhalten ungarischer Grenzer und die offene österreichische Grenze beeinflussten die Möglichkeiten von Menschen aus der DDR. Der Umbruch von 1989 war ein europäischer Prozess, in dem nationale Entwicklungen eng ineinandergriffen.

Heute erinnern Gedenkorte bei Sopronpuszta an das Picknick und die Grenzöffnung. Ihr historischer Wert liegt nicht in der Erzählung eines einzelnen wundersamen Moments. Sie zeigen vielmehr, wie eine vorbereitete symbolische Aktion, staatliche Reformen und der konkrete Ausreisewille vieler Menschen am 19. August 1989 zusammenkamen.

Quelle: Haus der Geschichte – Lebendiges Museum Online

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